World Cruise 2016 - 31. März

En Route to Colombo, Sri Lanka


Am 25. März konnte man bei 20min folgendes lesen: ‚Extrovertierte Personen verdienen deutlich mehr‘. Der Artikel zeigte den schillernden Unternehmer Richard Branson, welcher durch seine langen, weissen Haare und das jugendliche Outfit bekannt ist.

Über die Monate auf dem Schiff beginnt man die Leute kennen zu lernen. Da die meisten dieser Gäste längst im Ruhestand sind, ist der Beruf in den Diskussionen meist nicht von Belang. Man beginnt also diese Leute selbst einzuschätzen und Gesten, Kleidung und Aussehen zu deuten.

Auf den Overland Trips wird immer eine Liste mit den Namen der Teilnehmer ausgehändigt. Diese Liste studieren wir jeweils, weil sie gewisse Anhaltspunkte über die Teilnehmer liefern. So sind beispielsweise Titel angedruckt. Haben die Leute einen Doktortitel waren sie vermutlich als Arzt tätig oder haben einen Universitätstitel anderer Fakultäten. Den Titel zu tragen ist ihnen aber offenbar wichtig.

Mit der Zeit kann man die Personen auch auf die belegten Kabinen zuordnen. Man findet heraus wer eine der zwei riesigen ‚Owner-Suiten‘ gebucht hat. Diese kosten rund viermal soviel wie unsere Standardkabine. Die Bewohner dieser Kabinen suchen den Schutz der Anonymität und sind eher selten beim Essen oder in den Shows zu sehen.

Manche Gäste verschwinden für Tage und Wochen und plötzlich sind sie wieder auf dem Schiff, andere sieht man zum ersten Mal nur um herauszufinden, dass sie bereits seit Beginn der Weltreise an Bord waren.

Das Schiff ist ein kleines Dorf und wie überall lernt man Leute kennen, welche offenbar über alle Geheimnisse informiert sind.

Da erfährt man dann wer im Spital in Quarantäne sitzt, dass sich der Herr mit den weissen Haaren zwei Koffer Kleider nachsenden liess und dass einer der Sänger der Silversea Singers das Schiff verlassen musste, weil er sich zu obsessiv einer der Sängerinnen gegenüber verhalten hat.

Mittlerweile wissen wir auch, dass der Mann mit den weissen Haaren über 70 Jahre alt ist, früher ein Modelabel besessen hat, Michael heisst, seinen Wohnsitz in einem Luxushotel in Marokko hat und immer wieder einen anderen Begleiter für ein paar Wochen an Bord hat.

Man lernt das Paar kennen, welches in Dubai 1999 Tage auf Silversea Schiffen verbracht haben wird und dass der kleine James aus Singapur 59 Jahre alt ist, Anwalt war und nicht mehr arbeitet, sondern auch bereits mehrere Weltreisen hinter sich hat.

Auch den alten Mann, welcher alleine in der teuren Ownersuiten residiert, haben wir auf einem Ausflug kennengelernt. Er hatte seine Firma für 850 Millionen Dollar verkauft, hat kaum Kontakt zu seiner Familie und lebt seither auf der Silver Whisper. Er hat bereits die Owner Suite für die Weltreisen 2017 und 2018 gebucht und hat seinen festen Tisch im italienischen Restaurant ‚La Terrazza‘ draussen auf der Veranda.

Stammplätze im La Terrazza und im Restaurant gibt es viele. Da ist der schrille Amerikaner - von uns ‚Earl‘ genannt - welcher an den ‚formal' Abenden immer einen Tuxedo mit alten Orden und dessen Frau immer nur Kleider aus der Region in der wir uns aktuell befinden trägt. Sie sitzen meist im Restaurant am selben Tisch, haben oft geladene ‚Gäste‘ und trinken den Wein von der Karte und nicht den Standardwein.

Wir haben viele nette Leute auf dem Schiff kennengelernt. Einige sind sehr schräge, extrovertierte Typen, andere leben sehr zurückgezogen und erwähnen nur beiläufig, dass sie ein Appartement in New York am Central Park gleich beim Guggenheim Museum haben.

Bei den grossen MSC Schiffen ist uns das nicht aufgefallen, aber die Silver Whisper ist wie ein kleines Dorf mit 380 Einwohnern, abgeschnitten von der Welt für vier Monate, ein Panoptikum der Eitelkeiten, Thomas Mann’s Zauberberg auf hoher See. Man fühlt sich versetzt in den Roman ‚das Schloss’ von Franz Kafka, in welchem die Schlossbewohner abgeschottet von der Umwelt leben und nur wenige Auserwählte (sogenannte Meldeläufer) Kontakt zur Aussenwelt halten. Hier auf dem Schiff sind die Auserwählten die Gäste, welche nur für ein Segment der Reise an Bord kommen und die Dorfgemeinschaft anschliessend wieder verlassen.

An der Theorie, dass extrovertierte Leute mehr verdienen, könnte durchaus etwas dran sein. Wir haben auf dem Schiff auffallend viele schräge Gäste, welche alle Eines gemeinsam haben - die meisten können diese Weltreisen offenbar aus ihrer Portokasse bezahlen.